Tim Raue | Berlin

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Zwei Michelin-Sterne, eine unverwechselbare Handschrift

Besucht am 28.07.2026

Mich faszinieren immer wieder Restaurants, bei denen man bereits beim Betreten spürt, dass hier eine ganz eigene Welt geschaffen wurde. Im Restaurant Tim Raue war genau das der Fall.

Der Weg führt zunächst durch einen eher unscheinbaren Innenhof. Doch spätestens beim Blick auf das Stück Berliner Mauer, die chinesischen Löwen und die liebevoll inszenierte Bepflanzung wird klar: Dieser Ort möchte mehr sein als nur die Adresse eines Spitzenrestaurants.

Im Inneren setzt sich dieses Konzept konsequent fort. Asiatische Wandmalereien, chinesisches Porzellan, dunkles Holz, außergewöhnliche Leuchten und eine sehr besondere Farbwelt schaffen eine Atmosphäre, die gleichzeitig elegant, verspielt und ausgesprochen individuell wirkt.

Schon die mit zahlreichen Vasen dekorierte Treppe hinauf zum Restaurant ist dabei fast eine kleine Inszenierung für sich.

Das Menü

An diesem Abend durfte ich die Küche von Tim Raue in ihrer ganzen charakteristischen Vielfalt erleben.

An diesem Abend entschied ich mich für das „Kolibri“-Menü, Tim Raues persönliche Hommage an seine Heimatstadt Berlin. Ergänzt wurde das Menü um weitere Signature Dishes des Hauses, sodass ich die Küche in ihrer ganzen kulinarischen Bandbreite erleben konnte.

Dank der detaillierten und aktuellen Menüfolge, die mir zur Verfügung gestellt wurde, kann ich dabei auch etwas tiefer in die einzelnen Kompositionen und ihre Zutaten eintauchen. Genau das macht den Rückblick auf diesen besonderen Abend für mich noch einmal besonders spannend.

Schon die ersten Grüße aus der Küche machten deutlich, worauf man sich einstellen darf: intensive Aromen, ungewöhnliche Kombinationen und ein Spiel mit unterschiedlichen Texturen.

Tim Raues Küche ist schließlich für eine ganz bestimmte Handschrift bekannt: Süße, Säure und Schärfe, verbunden mit asiatischen Aromen und Produkten, die teilweise auf den ersten Blick ganz klassisch wirken.

Was mich dabei besonders beeindruckt hat: Die Küche ist niemals zurückhaltend. Sie möchte auch nicht einfach nur gefallen. Sie möchte einen Eindruck hinterlassen.

Schon der erste Gang, Sprotte mit Gurke und Imperial Kaviar, setzt dabei ein deutliches Zeichen.

Gurken-Tellersülze, Sprottenmousse, Dillcreme, Dillblüte und Joghurtcreme verbinden Frische mit der Salzigkeit und Cremigkeit vom Kaviar. Ein kleiner Auftakt, der bereits sehr präzise zeigt, worum es bei dieser Küche geht: bekannte Produkte werden nicht verkleidet, sondern in neue aromatische Zusammenhänge gesetzt.

Tradition trifft auf asiatische Aromen

Mit dem Sangohachi-Zander wird diese Idee weitergeführt.

Der Zander wird zwölf Stunden in Sangohachi-Paste mariniert und gedämpft. Dazu kommen eine Beurre blanc von Sauerkrautsaft, peruanische Minze, Sauerkraut-Ananas-Salat und Chili-Gelee.

Allein die Kombination klingt zunächst ungewöhnlich.

Auf dem Teller funktioniert sie jedoch erstaunlich selbstverständlich.

Das Spiel aus Säure, Frische, leichter Schärfe und der buttrigen Tiefe der Beurre blanc gibt dem Zander eine völlig neue Richtung.

Und genau solche Kombinationen machen für mich den Reiz dieser Küche aus.

Wenn der Garnelencocktail plötzlich ganz anders schmeckt

Ein besonders schöner Gang war für mich der Garnelen-Cocktail „Kadewé“.

Mazara-Garnele, fermentiertes rotes Chili, Kopfsalat, Sauerampfer, Champignons und Melone treffen hier aufeinander. Ein Gericht, das mit der Erinnerung an einen klassischen Garnelencocktail spielt, diesen aber konsequent in die Welt von Tim Raue übersetzt.

Frucht, Säure, Schärfe und Umami treffen aufeinander, ohne dass eine Komponente den Teller dominiert.

Aus einem vermeintlich vertrauten Klassiker wird so etwas völlig Eigenständiges.

Königsberger Klops – aber anders

Besonders spannend fand ich auch den Königsberger Klops.

Kalb, Kapernblatt, Kalbszunge und Kalbsbries, dazu eine Rahmsauce mit geröstetem weißem Pfeffer, gebuttertes Kartoffelpüree und geröstetes glutenfreies Brot.

Ein Gericht, das sehr stark mit deutscher kulinarischer Erinnerung arbeitet und gleichzeitig deutlich macht, wie weit man einen Klassiker weiterdenken kann.

Gerade diese Verbindung aus Vertrautem und Neuem gefällt mir an Tim Raues Küche besonders.

Man erkennt das Gericht.

Aber man erkennt es nicht unbedingt wieder.

Ein Stück Familiengeschichte

Mit dem Spanferkel-Eisbein „Oma Gerda“ wurde es dann besonders persönlich.

Das Gericht basiert auf dem Rezept von Tim Raues Großmutter Gerda und ist damit weit mehr als eine moderne Interpretation eines Berliner Klassikers. Das Spanferkel wird mit Knoblauch, Kümmel und Pökelsalz mariniert, gegart und anschließend so zubereitet, dass eine hauchdünne, ausgesprochen knusprige Kruste entsteht. Dazu serviert die Küche gelbe Erbse, japanischen Senf, gesäuerten und gesalzenen Ingwer sowie Dashi-Gelee. 

Besonders schön war die Präsentation: Das Eisbein wurde direkt am Tisch aufgeschnitten und tranchiert, bevor die einzelnen Stücke angerichtet wurden. Schon dieser Moment machte aus dem Gang ein kleines Erlebnis.

Und dann der erste Bissen: außen diese unglaublich knusprige Kruste, darunter zartes, saftiges Fleisch, dazu die pikante Senfcreme, die Säure des Ingwers und die Tiefe des Dashi. Genau hier treffen deutsche Küchentradition und Tim Raues asiatisch geprägte Aromatik aufeinander.

Für mich war das eines der Gerichte des Abends, das besonders eindrucksvoll gezeigt hat, wie aus einem bodenständigen Klassiker große Küche entstehen kann.

„Hühnerfrikassée“

Auch das „Hühnerfrikassée“ spielt mit einer kulinarischen Erinnerung.

Cremiger Reis mit gezupftem Hühnerfleisch, Erbsen und Möhrchen trifft auf eine Trüffelrahmsauce.

Ein Gericht, das auf den ersten Blick beinahe nach klassischer deutscher Hausmannskost klingt und sich auf dem Teller dann doch deutlich anders präsentiert.

Gerade diese Momente sorgen dafür, dass das Menü niemals vorhersehbar wird.

Wagyu Beef Borschtsch

Ein weiteres Highlight war für mich der Wagyu Beef Borschtsch.

Beef Tea, rote Bete, gepökelte Rinderzunge, Cornichons, grüner Thai-Pfeffer, marinierte rote Bete und Sauerrahmkugeln bilden dabei nur einen Teil der Komposition.

Dazu kommen geschmorte Backe vom Wagyu Beef, glutenfreies Brot, Salat von marinierter und eingelegter roter Bete, Himbeere, Cornichons und eine grüne Pepperonicreme.

Hier zeigt sich besonders deutlich, wie Tim Raue mit Aromen arbeitet.

Borschtsch ist eigentlich ein Gericht, das man sofort geschmacklich einordnen kann.

Diese Interpretation ist dagegen wesentlich komplexer.

Rote Bete, Säure, Pfeffer, Fleisch und Frucht treffen aufeinander und ergeben ein Gericht mit enormer Tiefe.

Wenn ein Gericht zum persönlichen Höhepunkt wird

Und dann kam die Ente „Marie-Anne“ à l’Orange.

Für mich war das der persönliche Höhepunkt des Menüs.

Bereits die einzelnen Komponenten lesen sich wie eine kleine eigene Welt: Entenleberterrine, Kumquat-Relish, Ingwer, Süßwein, rote Endivie, Nadelkoriander, Orange und Timut-Pfeffer. Dazu Entensud, Entenkeule, Eierstich mit Orange, Spitzpaprika, Bambuspilz, Staudensellerie, Blutorange, Bergamotte, Sichuanpfeffer und schließlich die Entenbrust mit Chipotle und Orange.

Auf dem Teller wird daraus trotzdem kein chaotisches Sammelsurium.

Im Gegenteil.

Die Ente bleibt klar erkennbar im Mittelpunkt. Die Haut ist wunderbar gebräunt, das Fleisch rosa und saftig, dazu eine intensive Sauce und ein luftiger Schaum. Fruchtige, würzige und leicht scharfe Komponenten setzen immer wieder neue Akzente.

Orange und Ente sind dabei natürlich ein Klassiker. Aber Tim Raue macht daraus etwas deutlich Komplexeres.

Kumquat, Bergamotte, Blutorange, Sichuanpfeffer und Chipotle bringen immer wieder neue Facetten.

Ein Gericht, das für mich beispielhaft für die gesamte Küche des Abends steht: intensiv, präzise, überraschend und trotzdem nachvollziehbar.

„Bienenstich“ als Fine-Dining-Dessert

Den Abschluss bildet schließlich der „Bienenstich“.

Aprikose und Mandel treffen auf Vanillemousse, Aprikosenragout, glutenfreien Butterteig, karamellisierten Zucker, Mandelpaste, geröstete Mandeln und Fleur de Sel. Dazu kommen Sorbetperlen von Passionsfrucht und Aprikose sowie Hefeeis.

Und wieder wird aus einem vertrauten deutschen Klassiker etwas vollkommen Eigenständiges.

Besonders schön fand ich dabei die Kombination aus der intensiven Aprikosenfrucht, der cremigen Vanille und den knusprigen Mandelkomponenten.

Ein Dessert, das nicht einfach nur süß ist, sondern noch einmal die ganze Philosophie des Menüs aufgreift: Kontrast und Balance.

Küche mit Persönlichkeit

Was mich an Tim Raues Küche besonders beeindruckt hat, ist die Konsequenz.

Hier wird nicht einfach asiatisch gekocht. Und es wird auch nicht einfach deutsche Küche modernisiert.

Vielmehr werden Erinnerungen, Produkte und Aromen aus unterschiedlichen kulinarischen Welten miteinander verbunden.

Dabei bleibt die Handschrift jederzeit erkennbar.

Säure trifft auf Süße. Schärfe auf Cremigkeit. Frucht auf Röstaromen. Tradition auf asiatische Aromatik.

Und trotzdem entsteht daraus keine Küche, die nur beeindrucken möchte.

Sie möchte vor allem eins: schmecken.

Weltklasse ohne Distanz

Auch der Service hat wesentlich zum Gesamterlebnis beigetragen.

Aufmerksam, kompetent und professionell, dabei aber angenehm locker und herzlich.

Gerade bei einem Restaurant auf diesem Niveau ist diese Balance für mich entscheidend.

Es darf natürlich perfekt sein. Aber Perfektion sollte niemals dazu führen, dass sich ein Gast unwohl fühlt. Im Restaurant Tim Raue hatte ich genau dieses Gefühl nicht.

Stattdessen entstand über den gesamten Abend eine angenehme Atmosphäre, in der man sich auf die Küche konzentrieren und den Abend einfach genießen konnte.

Mein Fazit

Ein Besuch bei Tim Raue ist weit mehr als ein exzellentes Abendessen.

Es ist ein Gesamterlebnis, das bereits mit der ungewöhnlichen Atmosphäre beginnt und sich bis zum letzten kleinen Bissen durchzieht.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die klare kulinarische Identität.

Man weiß, wenn man bei Tim Raue isst: Die Kombination aus deutschen Klassikern, asiatischen Aromen, intensiver Würze und präzisem Handwerk besitzt eine ganz eigene Sprache.

Besonders schön fand ich dabei, dass das Menü trotz seiner Komplexität nie den Bezug zu seinen Ausgangsprodukten verliert.

Königsberger Klops bleibt Königsberger Klops.

Hühnerfrikassée bleibt Hühnerfrikassée.

Bienenstich bleibt Bienenstich.

Und trotzdem erlebt man all diese Gerichte plötzlich aus einer völlig neuen Perspektive.

Mein herzliches Dankeschön gilt dem gesamten Team für einen außergewöhnlichen Abend und eine Küche, die definitiv im Gedächtnis bleibt.

Meine uneingeschränkte Empfehlung.

Meine persönlichen Genussmomente

Die Königsberger Klopse und das Spanferkel-Eisbein „Oma Gerda“.

Zwei Gerichte, die unterschiedlicher kaum sein könnten und mich gerade deshalb besonders überrascht haben.

Die Königsberger Klopse haben mich mit ihrer Interpretation eines echten deutschen Klassikers begeistert. Zartes Kalb, Kapernblatt, Kalbszunge und Kalbsbries, dazu die cremige Rahmsauce mit geröstetem weißen Pfeffer und gebuttertes Kartoffelpüree. Vertraute Aromen, die plötzlich unglaublich präzise und vielschichtig wirken.

Noch überraschender war allerdings das Spanferkel-Eisbein „Oma Gerda“. Denn eigentlich gehört Eisbein nicht unbedingt zu den Gerichten, die ich besonders gerne esse. Umso bemerkenswerter, dass gerade dieser Gang zu einem meiner persönlichen Höhepunkte des Abends wurde.

Die knusprige Kruste, das zarte Fleisch und die Kombination aus japanischem Senf, gesäuertem Ingwer, gelber Erbse und Dashi haben mich tatsächlich eines Besseren belehrt.

Wenn ein Gericht es schafft, einen bei einem Produkt umzustimmen, das man eigentlich nicht mag, ist das für mich ein ganz besonderes Kompliment an die Küche.

Der Genuss-Enthusiast meint

🍽️ Atmosphäre: außergewöhnlich, stilvoll und mit unverwechselbarer asiatischer Handschrift

🤝 Service: herzlich, aufmerksam und hochprofessionell

🎨 Kreativität: außergewöhnlich

❤️ Würde ich wiederkommen? Jederzeit.

💡 Besonders in Erinnerung geblieben: Die Königsberger Klopse und das Spanferkel-Eisbein „Oma Gerda“ – zwei deutsche Klassiker, die mich auf völlig unterschiedliche Weise überrascht und begeistert haben.

Restaurant Tim Raue Berlin, Rudi-Dutschke-Str. 26, 10969 Berlin, tim-raue.com

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