100/200 Kitchen | Hamburg

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Zwei Michelin-Sterne, eine offene Küche und ein Abend voller Überraschungen

Besucht am 10.08.2026

Manchmal beginnt ein besonderer Restaurantabend an einem Ort, an dem man ihn zunächst nicht unbedingt vermuten würde. Im dritten Stock eines Gebäudes im Hamburger Industriegebiet am Brandshofer Deich liegt das 100/200 Kitchen von Thomas Imbusch und Sophie Lehmann. Kein repräsentativer Boulevard, keine klassische Luxusadresse. Stattdessen Industriearchitektur, viel Raum und eine offene Küche, die zum Mittelpunkt des Restaurants wird.

Ich hatte das Glück, direkt neben der Küche zu sitzen. Damit war ich vom ersten Moment an ziemlich nah dran am Geschehen.

Der Empfang war herzlich und unkompliziert. Und gleich zu Beginn gab es eine kleine Geste, die mir vermutlich länger in Erinnerung bleiben wird als mancher aufwendig inszenierte Gruß aus der Küche: Meine Brille wurde kurzerhand vom Service gereinigt. Ein kleiner Moment zum Schmunzeln, aber auch ein schönes Zeichen für die Aufmerksamkeit, die den Abend prägen sollte.

Zum Auftakt gab’s dann ein Glas Champagner. So darf ein Abend gerne beginnen.

Ein Blick in die Küche

Bevor das eigentliche Menü startet, führt der Weg an die Schaubar. Dort sind die wesentlichen Produkte und Zutaten des Abends ausgestellt. Ein schöner Einstieg, denn plötzlich bekommen die Dinge, die später auf den Tellern landen werden, ein Gesicht.

Auch der erste kleine Gruß aus der Küche wird dort serviert.

Schon hier wird deutlich, dass Thomas Imbusch nicht auf eine einzige Geschmacksrichtung setzt: Kohl & Kohl mit Senf und Kaffee und dazu der Blick auf die Komponenten des kommenden Menüs.

Es ist ein Auftakt, der neugierig macht.

Genauso spannend fand ich die kleine, aber ausgesprochen fein abgestimmte Auswahl der Amuse-Bouches. Jedes einzelne steht dabei für eine der grundlegenden Geschmacksrichtungen und Texturen: Süße in Form eines Karottengelees, Säure mit Basilikum-Eis, Salz durch den Blumenkohl, Bitterkeit über die Endivie und schließlich Umami mit der Alge. Auf dem Teller im Uhrzeigersinn angeordnet, entsteht daraus ein kleines Geschmacksspiel, bei dem die einzelnen Aromen für sich stehen, aber sich auch überraschend miteinander verbinden.

Wenn Tomate mehr sein darf als Tomate

Dann kommt der erste Gang, der mich unmittelbar abgeholt hat: Tomate und Rote Bete, begleitet von Rose und Olive. Dazu Kristallbrot. Also eigentlich ein klassischer Tomatensalat.

Gerade der Tomatengang zeigt allerdings sehr schön, worum es im 100/200 geht. Das Produkt bleibt erkennbar und bekommt trotzdem neue Dimensionen. Die Tomate bringt Frische und Süße, die Rote Bete Erdigkeit, während die Rose und die Olive für unerwartete aromatische Akzente sorgen.

Besonders spannend fand ich das Kristallbrot. Knusprig, leicht und mit einer Textur, die dem saftigen Gemüse genau den richtigen Kontrapunkt entgegensetzt und ich so noch nicht gegessen habe.

Vegetarische Küche mit Geschichte

Zum nächsten Abschnitt des Menüs wird eine Virgin Bloody Mary serviert. Und auch hier bleibt das 100/200 seinem eigenen Anspruch treu: Selbst die Tabasco-Komponente wird im Haus hergestellt.

Dazu folgen verschiedene vegetarische Gerichte, unter anderem Artischocke, Herbsttrompete und Tomate, Parmesan, Salzgebäck…

Was zunächst wie eine sehr moderne Interpretation vegetarischer Küche klingt, hat einen ausgesprochen persönlichen Hintergrund. Thomas Imbusch hat die vegetarische Küche selbst über klassische Gerichte und kulinarische Erinnerungen wie diese kennengelernt. Nicht umsonst heißt dieses Gericht Kulinarische Klassik der 80er Jahre „Meisterklasse – Eine Ode an das Handwerk“

Hier geht es nicht darum, Fleisch oder Fisch zu ersetzen. Die einzelnen Zutaten werden nicht zur Beilage degradiert, sondern bekommen die Hauptrolle. Und die steht ihnen ausgesprochen gut.

Kanalarbeiterschnitte

Zum Konzept der feststehenden saisonalen Menüs im 100/200 Kitchen gehört, dass man aus dem in der Galerie beheimateten Glorie (1 Michelin Stern) einzelne Gänge dazu buchen kann. Ich habe mich für einen Fleischgang entschieden: die Kanalarbeiterschnitte.

Allein der Name erzählt bereits viel über ihre Herkunft. Was einst als einfaches Essen der Hamburger Arbeiterschaft galt, wird hier zum hochpräzisen Fine-Dining-Gericht.

Der Rösti-Boden: unglaublich knusprig, innen saftig. Das Tatar ist sehr fein, Crème fraîche unterstreicht die fettige und cremige, fast schon üppige Textur. Die Nocke „AKI Pure“ Kaviar macht das Ganze zu einem luxuriösen Add-On des ohnehin schon phantastischen Menüs.

Ich mag diese Idee sehr.

Denn Luxus entsteht nicht unbedingt dadurch, dass man die teuersten Produkte verwendet. Manchmal entsteht er dadurch, dass man ein einfaches Gericht so ernst nimmt, dass man sein ganzes Potenzial sichtbar macht.

Brot & Bohnen

Brot & Bohnen klingt zunächst fast schon demonstrativ schlicht.

Tatsächlich gehört der Gang für mich aber zu den schönsten Beispielen dafür, was die Küche des 100/200 auszeichnet.

Wie viel Geschmack, wie viele unterschiedliche Texturen und wie viel Spannung sich aus zwei vermeintlich einfachen Grundprodukten entwickeln lassen, hat mich wirklich überrascht.

Ich war von diesem Teller ausgesprochen angetan.

Vielleicht auch deshalb, weil er eine der großen Stärken des Abends auf den Punkt bringt: Das 100/200 braucht keine luxuriösen Zutaten, um luxuriös zu wirken.

Nudeln ohne Tomatensauce

Auch bei den Nudeln ohne Tomatensauce wird mit einer kulinarischen Erwartung gespielt.

Nudeln und Tomatensauce gehören für viele von uns untrennbar zusammen. Hier wird diese Verbindung bewusst aufgelöst.

Das Ergebnis hat mich geschmacklich regelrecht überrascht.

Pilze und Artischocke sorgen für eine enorme Aromendichte, dazu kommen unterschiedliche Texturen und eine Komposition, die sich von der vertrauten Vorstellung eines Nudelgerichts weit entfernt und trotzdem vollkommen selbstverständlich funktioniert.

Ein Teller, der zeigt, wie viel Kreativität darin liegen kann, eine Erwartung einfach einmal nicht zu erfüllen.

Der Käsetoast

Seit 2018 gehört der Käsetoast zu den Signature Dishes des Hauses.

Und spätestens hier wird klar, dass Fine Dining nicht immer kompliziert aussehen muss.

Der Käsetoast ist ein Gericht, das unmittelbar verständlich ist und trotzdem auf einem Niveau serviert wird, das weit über das hinausgeht, was man normalerweise mit diesem Begriff verbindet.

Lediglich die Käsecreme war mir persönlich einen Tick zu salzig. Das ist allerdings eine sehr individuelle Wahrnehmung und konnte den Gesamteindruck dieses Gangs nicht trüben.

Im Gegenteil: Gerade dieser Käsetoast war einer jener Teller, die einfach Freude machen.

Süßes Finale

Zum Dessert standen Brombeeren und braune Butter im Mittelpunkt.

Optisch ausgesprochen gelungen, geschmacklich harmonisch und handwerklich präzise.

War es für mich ein Dessert, das eine völlig neue kulinarische Welt eröffnet hat? Nein.

Und das ist ausdrücklich keine Kritik.

Nicht jeder Gang muss die eigene Vorstellung von Dessert revolutionieren. Manchmal reicht es vollkommen, wenn ein Gericht hervorragend gemacht ist, die Produkte klar herausarbeitet und einen schönen Schlussakkord setzt.

Genau das gelingt hier.

Soulfood zum Abschied

Zum Abschluss wird es noch einmal wunderbar unkompliziert: Zimtguglhupf und Crème Chantilly.

Soulfood im besten Sinne.

Nach einem Menü, das immer wieder mit Produkten, Aromen und Erwartungen gespielt hat, ist dieser letzte Happen fast schon wohltuend vertraut.

Ein kleiner, süßer Abschluss, der den Abend genau richtig ausklingen lässt.

Die Kunst der Einfachheit

Was mir vom 100/200 besonders in Erinnerung bleiben wird, ist die Konsequenz, mit der Thomas Imbusch seine Idee verfolgt.

Hier geht es nicht um den möglichst spektakulären Teller. Nicht um Luxusprodukte um ihrer selbst willen und auch nicht um eine Demonstration kulinarischer Technik.

Stattdessen stehen Produkte im Mittelpunkt, die jeder kennt.

Tomate.

Bohne.

Brot.

Nudel.

Käse.

Und genau darin liegt die Herausforderung.

Denn wenn man mit Kaviar oder Trüffel arbeitet, bringen die Produkte bereits einen gewissen Luxus mit. Bei einer Bohne oder einem Käsetoast muss die Küche zeigen, warum dieses Produkt einen Platz auf einem Zwei-Sterne-Teller verdient.

Im 100/200 gelingt das erstaunlich häufig.

Was mir dabei besonders gefallen hat: Viele der Gerichte durften ganz selbstverständlich mit den Händen gegessen werden. Angefangen beim Brot mit der Joghurtbutter über den Käsetoast bis hin zu Brot & Bohnen und dem Zimtgebäck. Kein Besteck, keine Förmlichkeit, keine Berührungsängste. Stattdessen einfach zugreifen und genießen. Gerade in einem Zwei-Sterne-Restaurant empfinde ich diese Selbstverständlichkeit als herrlich unkompliziert und sympathisch. Sie nimmt dem Fine Dining jede unnötige Distanz und macht den Genuss zu etwas ganz Unmittelbarem.

Gastgeber mit Nähe

Auch der Service passt hervorragend zu diesem Konzept.

Von der herzlichen Begrüßung bis zu den vielen kleinen Aufmerksamkeiten war der Umgang ausgesprochen persönlich. Gleichzeitig blieb alles professionell und souverän.

Es ist eine Form von Gastlichkeit, die nicht auf Distanz setzt.

Und vielleicht passt deshalb auch meine saubere Brille so gut in die Erinnerung an diesen Abend.

Es sind eben nicht immer die großen Gesten, die einen Service besonders machen.

Manchmal reicht ein kurzer Moment, in dem jemand aufmerksam hinsieht.

Mein Fazit

Das 100/200 Kitchen ist für mich ein Restaurant, das seine zwei Michelin-Sterne nicht über Luxus und Inszenierung definiert, sondern über Eigenständigkeit, Produktverständnis und handwerkliche Präzision.

Was Thomas Imbusch und sein Team aus scheinbar einfachen Zutaten entwickeln, ist immer wieder überraschend. Besonders die Kanalarbeiterschnitte, Brot & Bohnen, die Nudeln ohne Tomatensauce und der Käsetoast haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Und genau deshalb hat mir dieser Abend so viel Freude gemacht.

Denn am Ende geht es für mich bei einem guten Restaurantbesuch nicht darum, möglichst viele außergewöhnliche Zutaten gegessen zu haben.

Es geht darum, etwas zu erleben, das ich selbst so nicht hätte erleben können.

Das 100/200 hat mir davon einige Momente geschenkt.

Mein herzliches Dankeschön geht ausdrücklich an Maurice, Malte und das gesamte Team für diesen ausgesprochen schönen, herzlichen und kulinarisch spannenden Abend.

Mein persönlicher Genussmoment

Die Kanalarbeiterschnitte und das Brot & Bohnen.

Zwei Gerichte, die kaum unterschiedlicher sein könnten und doch genau das verkörpern, was mich am 100/200 begeistert hat.

Die Kanalarbeiterschnitte, weil aus einem einfachen Hamburger Klassiker ein unglaublich knuspriger und saftiger Genussmoment wurde.

Und Brot & Bohnen, weil mich dieser Teller daran erinnert hat, dass große Küche nicht von luxuriösen Produkten abhängig ist. Wenn aus vermeintlich einfachen Zutaten etwas entsteht, das mich überrascht und begeistert, dann hat ein Restaurant bei mir genau das erreicht, was ich mir von einem solchen Abend wünsche.

Der Genuss-Enthusiast meint

🍽️ Atmosphäre: urban, modern und angenehm entspannt

🤝 Service: herzlich, aufmerksam und persönlich

🎨 Kreativität: außergewöhnlich

❤️ Würde ich wiederkommen? Auf jeden Fall.

💡 Besonders in Erinnerung geblieben: Die Kanalarbeiterschnitte und Brot & Bohnen. Zwei Gerichte, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, wie spannend einfache Produkte auf höchstem Niveau sein können.

100/200 Kitchen, Brandshofer Deich 68, 20539 Hamburg, www.100200kitchen.de

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